Autorenfoto als Ausgangsmaterial; Bildkomposition und grafische Ausarbeitung KI-unterstützt erstellt.
Warum gute Marketingberatung nicht mit Maßnahmen beginnt, sondern mit Relevanz.
Es gibt diese Fach- und Beratertexte, die liest man und denkt im ersten Augenblick eben nicht: interessant.
Man liest sie und denkt: Ja. Exakt.
Weil sie keinen neuen Begriff verkaufen, sondern etwas treffen, das man seit Jahrzehnten tut, ohne es jeden Morgen mit einem Etikett zu versehen: Unsicherheit aushalten. Allein denken können. Lernen, ohne das Gelernte einfach nachzubeten.
Oder, wie Prof. Dr. Heymo Böhler uns Studenten in Bayreuth immer zurief: Kapieren, nicht kopieren.
Drei nüchterne Fähigkeiten. Kein Motivationsposter. Keine Beraterfolklore. Aber ziemlich genau der Kern dessen, was gute Strategiearbeit und gutes Marketing Consulting ausmacht.
Denn gute Beratung beginnt nicht mit einer Antwort. Sie beginnt mit der Zumutung, die richtige Frage überhaupt erst zu stellen.
Das klingt banal. Ist es aber nicht. In vielen Unternehmen passiert genau das Gegenteil. Man ist schnell. Sehr schnell sogar. Es gibt Workshops, Maßnahmenpläne, Roadmaps, Content-Kalender, Kampagnen, Miro-Boards und Reporting-Dashboards. Alles wirkt beschäftigt. Alles sieht nach Fortschritt aus.
Nur die entscheidende Frage wurde oft noch gar nicht sauber gestellt.
Was ist wirklich das Problem?
Liegt es am Produkt? Am Markt? An der Positionierung? An der Sprache? Am Vertrieb? Am Preis? An der Sichtbarkeit? Am Vertrauen? Oder daran, dass intern alle schon so lange dasselbe erzählen, bis es sich wie Wahrheit anfühlt?
Klarheit entsteht nicht, weil man schnell eine Antwort hat.
Klarheit entsteht, weil man lange genug bei der richtigen Frage bleibt.
Unsicherheit ist kein Mangel. Sie ist der Anfang sauberer Arbeit.
In vielen Unternehmen wird Unsicherheit erstaunlich früh einfach ausgeblendet.
Dann heißen Dinge Zielbild, Roadmap, Markenprozess, Kampagne, Go-to-Market-Plan oder Content-Offensive. Alles kann sinnvoll sein. Alles kann aber auch darüber hinwegtäuschen, dass die eigentliche Frage noch offen ist.
Gute Beratung darf an dieser Stelle nicht zu schnell werden.
Sie muss die erste plausible Erklärung prüfen. Und die zweite auch. Sie muss Annahmen von Erkenntnissen unterscheiden. Das ist keine Besserwisserei. Das ist professionelle Disziplin:
- Was wissen wir wirklich?
- Was glauben wir nur, weil es intern oft genug wiederholt wurde?
- Welche Annahmen liegen einer Entscheidung zugrunde?
- Welche davon wurden ausgesprochen?
- Welche stecken unausgesprochen im Raum?
- Welche Annahme müsste zuerst getestet werden, weil sie Architektur und Gewichtung aller weiteren Entscheidungen beeinflusst?
- Wo ist Wunschbild?
- Wo ist Marktmechanismus?
- Wo ist selektive Wahrnehmung?
- Wo ist der blinde Fleck?
Kahneman ist in solchen Situationen ein guter Ratgeber. Popper auch. Festinger sowieso. Wer kognitive Dissonanz nicht versteht, versteht viele Marketing- und Managemententscheidungen nicht. Menschen suchen Bestätigung. Unternehmen auch. Gremien erst recht. Mal bei der nächsten Sachgebietsleitersitzung, dem nächsten „Steering Committee“ oder dem nächsten Board-Meeting drauf achten. Und auch das Verstehen des Konzepts vom schnellen und langsamen Denken hilft, situationsspezfisch mit dem richtigen „Besteck“ zu arbeiten.
Die gefährlichsten Entscheidungen entstehen selten aus offenem Nichtwissen. Sie entstehen aus scheinbarer Gewissheit:
- „Das wissen wir doch.“
- „Unsere Kunden wollen das.“
- „Das haben wir schon immer so gemacht.“
- „Das haben wir noch nie anders gemacht.“
- „Das geht nicht, das haben wir vor 12 Jahren schon mal ausprobiert und sind auf die Nase gefallen.“
- „Das ist nur Kommunikation.“
- „Unser Produkt ist technisch so überragend, wir brauchen keine Reklameabteilung.“
Genau an diesen Sätzen beginnt Strategiearbeit. Das hat nichts mit Besserwisserei zu tun. Vielmehr mit dem genauen Gegenteil:
Marketingconsulting hat seinen Ausgangspunkt in der professionellen Disziplin, Annahmen von Erkenntnissen zu unterscheiden.
Marketing ist keine Reiz-Reaktions-Maschine
Ich habe Betriebswirtschaft mit rechtswissenschaftlicher Zusatzausbildung an der Universität Bayreuth studiert. Bei Prof. Dr. Heymo Böhler ging es noch um Marketing als marktorientierte Unternehmensführung. Nicht um Deko. Nicht um Anbieterlyrik. Nicht um Kampagnenmechanik. Und schon gar nicht nur um eine simple Stimulus-Response-Logik nach dem Motto: Reiz setzen, Reaktion messen, Korrelation finden, Kampagne optimieren.
Der spannende Punkt war das S-O-R-Modell: Stimulus. Organismus. Response. Also die Frage, was zwischen Reiz und Reaktion im Kopf des Kunden geschieht. Wahrnehmung. Erfahrung. Motive. Involvement. Vertrauen. Risikoempfinden. Situation. Vorwissen.
Genau dort entscheidet sich, ob Marketing wirkt. Oder nur sendet. Ob Kunden mit dem Megaphon bearbeitet werden, bis sie innerlich abschalten. Oder ob ein verstehender Dialog entsteht, an dessen Ende tatsächlich ein Kauf stehen kann.
Der Unterschied ist nicht akademisch. Er ist geschäftsentscheidend. Und damit für Unternehmen a la longue (über-)lebenswichtig.
Kunden kaufen viel lieber die Lösung eines Problems. Oder die Verstärkung einer positiven Emotion. Was sie deutlich weniger gern tun: sich etwas verkaufen lassen, das sie nicht brauchen, nicht verstehen oder nicht wollen. Vulgo: sich etwas aufschwatzen lassen.
Das ist der kardinale Unterschied.
Marketing beginnt nicht bei der Frage: Wie erzeugen wir Nachfrage?
Es beginnt bei der Frage: Welches Problem lösen wir so klar, dass wir relevant werden?
Damals waren Begriffe wie Evoked Set und Relevant Set keine Fußnoten. Sie waren zentral. Welche Anbieter kommen einem Kunden überhaupt in den Sinn? Welche davon werden ernsthaft erwogen? Welche fallen sofort heraus, obwohl sie objektiv vielleicht leistungsfähig wären?
Diese Fragen sind heute aktueller denn je. Sie werden nur häufig überdeckt von Kanalbetrieb, Content-Takten, SEO-Routinen, Performance-Dashboards und Social-Media-Betriebsamkeit.
Relevanz taucht dann noch in Sonntagsreden auf. In SEO-Präsentationen steht sie irgendwo zwischen Suchintention und Content-Qualität. Operativ wird aber oft nur produziert: mehr Seiten, mehr Posts, mehr Claims, mehr Kampagnen, mehr Keywords, mehr vermeintlich relevante Longtails.
Alles kann zu gegebener Zeit richtig sein. Aber bitte in der richtigen Reihenfolge:,. Erst die Frage. Dann die Antwort. Dann die Umsetzung.
Wer diese Reihenfolge umdreht, bekommt zielsicher ein Problem:
Sichtbarkeit ohne Relevanz ist teuer.
Reichweite ohne Einordnung ist Lärm.
Kommunikation ohne Problembezug bleibt Dekoration.
Relevanz ist kein weiches Wort. Relevanz ist die Eintrittskarte.
Ein Unternehmen kann sichtbar sein und trotzdem nicht relevant. Es kann modern wirken und trotzdem keine Entscheidung auslösen. Es kann schöne Texte haben und trotzdem nicht in die engere Wahl kommen.
Genau deshalb ist Relevanz kein dekorativer Begriff. Relevanz entscheidet darüber, ob eine Marke überhaupt in das Set der ernsthaft geprüften Alternativen gelangt.
Für die Lateiner unter Euch: conditio sine qua non. Ich selber bin keiner. Aber hier passt es.
Im B2B gelten diese Spielregeln noch unbarmherziger als im B2C. Dort wartet niemand auf die nächste Anbieterlyrik. Niemand sitzt morgens im Büro und denkt: Hoffentlich erklärt mir heute wieder jemand seine Leidenschaft, seine DNA und seine ganz besondere Kundennähe.
Entscheider haben ein Problem. Oder ein Risiko. Oder Zeitdruck. Oder einen Budgetrahmen, der nicht größer wird, nur weil die Präsentation schöner aussieht. Oder alles zusammen. Macht’s nicht einfacher.
Dazu kommen interne Widerstände, politische Zwänge, technische Abhängigkeiten, persönliche Verantwortung und der ganze menschliche Rest: schnelles Denken, langsames Denken, Wahrnehmungsverzerrungen, Besitzstandswahrung, Verlustaversion, Gruppendruck, Eitelkeit, Angst vor Fehlern und die leise Hoffnung, dass Nichtentscheiden vielleicht auch eine Entscheidung sei.
Ist es nicht.
Wer in diesem Umfeld nicht glasklar zeigt, welches Problem er löst, welches Risiko er reduziert, welchen Aufwand er herausnimmt, welche Sicherheit er erhöht und welches Ergebnis er verbessert, bleibt draußen.
Nicht, weil er schlecht ist. Sondern weil er im Kopf des Entscheiders keinen ausreichend klaren Platz bekommt. Auch dann, wenn der Kontakt nett ist. Auch dann, wenn die Beziehungsebene stimmt. Auch dann, wenn man emotional die richtigen Saiten zupft. Sympathie ersetzt keine Relevanz und Atmosphäre ersetzt keine Substanz.
Das ist am Ende wie in der Mathematik: Wenn die notwendigen Bedingungen nicht erfüllt sind, helfen die hinreichenden nicht weiter.
Oder weniger professoral: Die schönste Deko heilt kein fehlendes Fundament. Ein Claim kann keine Leistung ersetzen. Ein Look kein Argument. Ein Funnel keine Relevanz. Ein gutes Gespräch keine belastbare Problemlösung.
Im B2B kommt man nicht hinein, weil man nett klingt. Man kommt hinein, wenn der Kunde erkennt: Das betrifft mich. Das löst etwas. Das senkt mein Risiko. Das hilft mir, eine bessere Entscheidung zu treffen.
Nicht jede Leistung ist automatisch ein Kaufgrund. Nicht jeder Vorteil ist für den Kunden relevant. Nicht jede Botschaft verdient Aufmerksamkeit. Nicht jede Sichtbarkeit führt in die Auswahl. Nicht jeder Content bringt ein Unternehmen näher an Umsatz.
Die zentrale Frage lautet deshalb nicht:
Was können wir alles sagen?
Die weit bessere und für den Erfolg entscheidende Frage lautet:
Was muss der Kunde verstehen, damit wir als relevante Lösung ernsthaft in Betracht kommen?
Strategie braucht Stille
Komplexe Zusammenhänge sortieren sich selten zwischen zwei Teams-Calls, dreiundvierzig E-Mails und einem halb gelesenen Reporting.
Strategie braucht Denkzeit. Nicht als Luxus. Als Arbeitsbedingung. Fokus ist kein hübsches Managerwort. Fokus ist die Entscheidung, was jetzt zählt – und was eben nicht.
Ohne Fokus entsteht keine kritische Masse.
Dann wird überall ein bisschen geschoben, ein bisschen optimiert, ein bisschen kommuniziert. Ein bisschen Website. Ein bisschen LinkedIn. Ein bisschen Vertriebsmaterial. Ein bisschen Positionierung. Ein bisschen CRM. Ein bisschen KI.
Nur: Ein bisschen schwanger gibt es nicht.
Genauso wenig gibt es ein bisschen Strategie. Sprachlich erkennt man das meistens sofort. Dann regieren „wir wollen“, „wir würden“, „vielleicht könnten wir“ und „man müsste mal“. Konjunktiveritis im Endstadium. Alle nicken. Keiner führt. Alle finden es richtig. Niemand ist zuständig. Und, oh Wunder, nichts passiert.
Dagegen hilft am Ende kein weiteres Stimmungsbild, kein neues Board und kein dekorativer Maßnahmencluster. Dagegen hilft ein sehr einfacher Satz:
Wer tut was bis wann?
Erst dann wird aus Absicht Verantwortung. Aus Bewegung Richtung. Aus Gespräch Umsetzung. Operative Hektik fühlt sich häufig produktiv an: Ein Workshop. Ein Maßnahmenplan. Ein Miro-Board. Zwanzig Post-its. Drei Prioritätscluster. Und 612 Moderationskärtchen, die der Werkstudent pflichtschuldig mit seinem iPhone 17 Pro von der Metaplanwand abfotografiert, um sie anschließend der KI zur Zusammenfassung zu überantworten.
Halleluja. Spätestens auf diesem Weg sind oft schon 80 Prozent der relevanten Information verschwunden.
Denn Strategie entsteht nicht nur aus Stichworten. Sie entsteht aus Kontext. Aus Zwischentönen. Aus Mimik. Aus Gestik. Aus dem Zögern vor einer Antwort. Aus dem betretenen Schweigen nach einer unbequemen Frage. Aus dem schnellen Blick zum Geschäftsführer, wenn plötzlich jemand zu nah an den eigentlichen Punkt kommt.
Das steht auf keinem Moderationskärtchen. Die KI sieht das nicht. Sie kennt nicht die Spannung im Raum. Sie weiß nicht, wer gerade ausweicht, wer blockiert, wer etwas nicht sagen darf und wer innerlich schon längst verstanden hat, wo das Problem liegt. Sie fasst zusammen, was fotografiert wurde. Als Wahrscheinlichkeitsrechner. In gefälligem Deutsch. Mit sauberer Struktur.
Und alle denken: Habemus Strategie.
Nein! Man hat eine Zusammenfassung.Vielleicht sogar eine ordentliche. Aber noch keine Richtung. Keine Entscheidung. Keine Priorität. Keine Verantwortung. Kein „Wer tut was bis wann?“
Manchmal ist es dann eben nur ein sehr gut dokumentiertes Brainstorming.
Gute Strategie trennt genau das. Sie fragt nicht nur: Was könnten wir alles tun? Sie fragt zuerst: Was ist wichtig? Was ist dringend? Was zahlt wirklich auf das Ziel ein? Was lenkt nur ab?
Eine Eisenhower-Matrix ist kein Zauberinstrument. Aber sie zwingt zur Disziplin. Nicht alles, was laut ist, ist wichtig. Nicht alles, was dringend wirkt, verdient Priorität. Und manches gehört einfach in den Papierkorb. Auch in den digitalen. Defokussierung durch Belangloses führt nicht zum Ziel. Nie.
Dann beginnt die eigentliche Arbeit: Vom Ziel zurückdenken. Retrograde Terminplanung. Nicht aus dem Bauch heraus loslaufen und hoffen, dass unterwegs schon Strategie entsteht. Sondern zu Beginn klären: Wo müssen wir zu welchem Zeitpunkt stehen? Welche Zwischenziele brauchen wir? Woran erkennen wir, dass wir auf Kurs sind? Welche Kennzahlen sind wirklich aussagefähig? Und welche sehen nur gut aus?
Strategie ohne Zwischenzielkontrolle ist Wunschdenken mit schöner Typografie.
Wenn etwas nicht funktioniert, braucht es keine Schuldzuweisung, sondern Corrective Action: sauber hinschauen, Ursache finden, Maßnahme anpassen, Wirkung prüfen, wieder lernen. So entsteht ein lernendes System. Nicht durch Sonntagsreden über Agilität. Sondern durch die nüchterne Bereitschaft, Annahmen zu testen, Ergebnisse ernst zu nehmen und den Kurs zu korrigieren, bevor das Schiff auf Grund läuft.
Das ist weniger glamourös als ein neues Leitbild.
Dafür wirkt es.
Lernen heißt nicht, jeden Trend nachzubeten
Marketing ist heute voll von Methoden, Modellen und Begriffen. Porter. BCG. SWOT. Brand Asset Valuator. Customer Journey. Funnel. Flywheel. Purpose. Narrative. Category Design. KI. GEO. Social Selling. Fast jedes Instrument kann in einer spezifischen Situation hohen Nutzen stiften. Wenn man weiß, wofür.
Ein Hammer ist kein schlechtes Werkzeug.
Er ist nur Unsinn, wenn das Problem darin besteht, eine Schraube anzuziehen.
Genau so ist es mit Marketingmethoden:
Der örtliche Friseursalon braucht in der Regel keine GEO-Strategie und keinen Brand Asset Valuator. Er braucht Sichtbarkeit vor Ort, klare Leistungen, gute Bewertungen, einfache Terminbuchung und einen Auftritt, der Vertrauen schafft.
Ein Maschinenbauer dagegen, der sich vom Komponentenlieferanten zum Systemanbieter für Prozesssicherheit entwickeln will, spielt in einer anderen Liga. Dort können SWOT, Positionierung, Wettbewerbslogik, Buying Center, Brand Asset Valuator, Content-Architektur und Sales Enablement sehr wohl zur ganzen Klaviatur gehören.
Nicht, weil Methoden Eindruck machen. Vielmehr und vor allem deshalb, weil die Aufgabe komplex genug ist, um gutes Werkzeug zu rechtfertigen.
Entscheidend ist nicht die Methode. Entscheidend ist die Passung zum Problem. Ein gutes Modell ersetzt keine Urteilskraft. Es hilft, Urteilskraft zu strukturieren. Mehr nicht.
Wer nur Frameworks sammelt, wirkt schnell professionell. Wer sie falsch einsetzt, produziert nur besser sortierte Beliebigkeit.
Lernen heißt deshalb nicht, Wissen planlos anzuhäufen und möglichst viel Speicherplatz im eigenen Hirn zu füllen.
Das Gehirn ist keine Festplatte. Es lernt nicht durch Ablage. Es lernt durch Bedeutung, Wiederholung, Anwendung und Vernetzung.
Genau das gilt auch für Strategie. Lernen heißt, neue Werkzeuge gegen echte Probleme zu halten. Nicht jedes Modell zu sammeln. Nicht jeden Trend mitzunehmen. Nicht jede Methode wichtig zu finden, nur weil sie gerade herumgereicht wird.
Es heißt zu prüfen, was trägt: Was hilft beim Denken? Was hilft beim Entscheiden? Was hilft beim Verkaufen? Was hilft dem Kunden wirklich? Und was sieht nur klug aus?
Manchmal ist ein Framework nützlich. Manchmal ist es Dekoration. Manchmal ist eine neue Methode ein Hebel. Manchmal ist sie nur ein weiteres Wort für alten Wein in neuer PowerPoint-Flasche. Und die ist im schlimmsten Fall leer. Trapattoni lässt grüßen.
Lernen heißt eben auch, weglassen zu können. Und gelegentlich sehr nüchtern zu sagen: Interessant. Aber für diesen Fall vollkommener Unsinn – Zeit- und Geldverschwendung.
Was gute Marketingberatung leisten muss
Gute Marketingberatung ist keine Geschmacksberatung. Sie ist keine PowerPoint-Kosmetik. Und sie ist kein freundlicher Lack über ungeklärten Fragen.
Sie muss an den Kern:
Welche Leistung ist für welchen Kunden aus welchem Grund relevant?
Wer diese Frage nicht beantwortet, kann trotzdem Kampagnen bauen, Websites füllen, CRM-Strecken automatisieren und Content produzieren.
Nur bleibt das oft technische Betriebsamkeit. Viel Bewegung. Viele Ideen. Null Fokus. Viel Budget verbrennen. Wenig Wirkung.
Peter Drucker hat Marketing nicht als Werbeabteilung verstanden, sondern als radikale Kundendurchdringung: Ziel ist es, den Kunden so gut zu kennen und zu verstehen, dass Produkt oder Dienstleistung passen und sich im Idealfall fast von selbst verkaufen.
Theodore Levitt hat denselben Gedanken wunderbar handwerklich zugespitzt:
Kunden wollen nicht den Bohrer.
Sie wollen das Loch in der Wand.
Und selbst das ist im Grunde noch zu kurz gegriffen.
Was Kunden am Ende wirklich wollen, ist nicht der Bohrer
und auch nicht das Loch in der Wand.
Sie wollen das Regal, das hängt.
Die Ordnung, die entsteht.
Die Aufgabe, die gelöst ist.
Genau dort muss Marketingberatung ansetzen.
Eine Positionierung, die der Vertrieb nicht nutzen kann, ist zu schwach. Eine Website, die nicht führt, ist nett anzuschauen. Mehr nicht. Ein Claim, der nur gut klingt, löst kein Problem. Ein Funnel ohne Relevanz wird zur technischen Übung. Wie ein Auto mit perfekt getuntem Motor, bei dem das Getriebe vergessen wurde. Ein CRM-System ohne klare Botschaft verwaltet Kontakte, schafft aber keine Nähe und begleitet keine Customer Journey.
Marketing Consulting muss deshalb mehr leisten als Ordnung im Maschinenraum.
Es muss Unternehmen marktfähiger machen: klarer, anschlussfähiger, unterscheidbarer, entscheidungsrelevanter.
Marketing Consulting ist eine Führungsaufgabe.
Alles andere ist Beschäftigung mit Marketingmitteln.
Nicht mit Markt.
Erfahrung ist kein Rückspiegel. Erfahrung ist Verdichtung.
Ich habe in meiner Laufbahn mit Unternehmen und Marken wie BASF, Montegrappa Northern Europe, der HHL Hamburg Leasing, Rosenthal und Blanco und Montblanc gearbeitet. Luxus. Industrie. Design. Leasingbusiness. B2C und B2B. Vertrieb. Marke. CRM. Internationale Organisationen. Im Detail komplett unterschiedliche Welten.
Aber mit einem gemeinsamen Kern. Am Ende geht es immer um dieselbe Aufgabe: Komplexität so zu verdichten, dass Kunden, Vertrieb, Management und Markt wieder verstehen, worum es eigentlich geht.
Nicht ungefähr. Nicht irgendwie. Sondern so, dass daraus Entscheidung, Richtung und Wirkung entstehen.
Seneca hat das vor fast zweitausend Jahren ziemlich endgültig formuliert:
Wer den Hafen nicht kennt, in den er segeln will, für den ist kein Wind der richtige.
Mehr Strategie in einem Satz geht kaum.
Ich habe in diesen Jahren viele starke Leitgedanken erlebt. Gute Motti. Klare Formeln. Sätze, die einem Unternehmen helfen konnten, sich selbst besser zu verstehen. Und dann gab es auch solche wie „Either and“. Sprachlich schräg. Was nicht schlimm wäre. Manchmal bleibt gerade das Schiefe hängen.
Das Problem lag tiefer.
„Either and“ sendet im Kern die Botschaft: Man kann alles gleichzeitig haben. Alles gleichzeitig tun. Alles gleichzeitig bedienen. Es gibt keine Opportunitätskosten. Keine echte Wahl. Kein hartes Entweder-oder. Kein Priorisieren. Kein Verzicht.
Damit ist der Satz vielleicht charmant gemeint. Strategisch ist er gefährlich. Denn ohne klaren Hafen wirkt fast jeder Wind irgendwie passend. Ein bisschen Website. Ein bisschen LinkedIn. Ein bisschen CRM. Ein bisschen Kampagne. Ein bisschen KI. Ein bisschen Vertriebsmaterial. Ein bisschen von allem und nichts.
Alles kann man einzeln und für sich begründen. Nur kommt man nicht zwingend irgendwo an. Fokus ist nicht Engstirnigkeit. Fokus ist die Voraussetzung für Wirkung. Wer keine Wahl trifft, verteilt Energie. Wer Energie verteilt, erzeugt keine kritische Masse. Wer keine kritische Masse erzeugt, bleibt unter der Wahrnehmungsschwelle.
Der Markt ist härter, als manche Leitbildprosa glaubt. Konzepte wie Evoked Set und Relevant Set sind im Kern digital: Man ist im Kopf des Kunden. Oder man ist es nicht. Man wird in der konkreten Entscheidungssituation mitgedacht. Oder man findet nicht statt. Man gehört zum Kreis ernsthaft erwogener Anbieter. Oder man bleibt dekoratives Hintergrundrauschen.
Genau deshalb ist Fokus keine Stilfrage.
Fokus ist Überlebenslogik. Für eine Person. Für ein Unternehmen. Für ein Produkt. Für eine Dienstleistung. Für eine Vision.
Wer relevant sein will, muss etwas Bestimmtes bedeuten. Nicht alles ein bisschen. Nicht für alle irgendwie. Nicht „auch noch“. Nicht „so ähnlich, jedoch“. Nicht heute so und morgen so. Sondern klar genug, stark genug und wiederholbar genug, um im Kopf des Kunden einen Platz zu besetzen.
Alles andere ist Marketing als Selbstberuhigung.
Festinger & Co. lassen grüßen.
Relevanz statt Penetranz
Unsicherheit aushalten. Allein denken können. Lernen, ohne nachzubeten.
Daraus entsteht keine Besserwisserei. Daraus entsteht Urteilskraft.
Diese Arbeit ist alles andere als altmodisch oder „von gestern“. Sie ist im Gegenteil dringender und wichtiger denn je:
- Weil Kanäle lauter geworden sind.
- Weil KI Inhalte schneller produziert.
- Weil Märkte voller sind.
- Weil Budgets knapper werden.
- Weil Entscheidungen riskanter geworden sind.
- Weil Mittelmaß inzwischen in industrieller Geschwindigkeit erzeugt werden kann.
Gerade deshalb braucht Marketing heute mehr denn je:
- Mehr menschliche Urteilskraft.
- Mehr Relevanz in den Köpfen der Kunden.
- Mehr intellektuelle Gründlichkeit am Anfang.
- Mehr langsames Denken.
- Mehr Mut zum Hinterfragen scheinbarer Gewißheiten.
- Weniger Reflex.
Nicht: Was können wir noch alles machen?
Sondern:
Was ist für welchen Kunden aus welchem Grund so relevant, dass es eine Entscheidung verändert?
Das ist der Kern. Alles andere ist hektische Betriebsamkeit.
Unsicherheit aushalten. Allein denken können. Lernen, ohne nachzubeten.
Daraus entsteht keine Besserwisserei. Daraus entsteht Urteilskraft. Und genau die braucht Marketing heute. Nicht noch mehr Aktivität. Nicht noch mehr Content. Nicht noch mehr austauschbare Claims. Sondern eine präzise Antwort auf die Frage, warum ein Unternehmen für seine Kunden tatsächlich relevant ist. War schon immer so. Hieß in meiner Marketingvorlesung in Bayreuth:
The reason to be.
Oder, etwas direkter:
Relevanz statt Penetranz.
Mehr zum Thema Marketingberatung im Rahmen einer kostenlosen Erstberatung:
Marketing Consulting bei effektor